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Die Kunst des Schwimmens

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Ich kann mich noch ganz genau an meinen allerersten Kontakt mit einer sich umschließenden Wassermenge erinnern. An einem ähnlich flauschig warmen Sommertag wie heute vor etwa 27 Jahren, fand ich mich mit meinem Vater in einem belebten Freizeitpark in Shanghai wieder. Er musste damals wohl direkt von der Arbeit gekommen sein, jedenfalls trug er noch seine Aktentasche. Irgendwann kamen wir an einem Wasser-Karussell vorbei. Mein Vater gab mir die Anweisung, dort auf seine Aktentasche aufzupassen, während er sich Richtung Toilette aufmachte. Das Unglück nahm somit seinen Lauf…

Kaum hatte sich mein Vater entfernt, stieg ich schon über die kniehohe Abgrenzung vom Wasserbecken. Neugierig wie ich war, wollte ich wohl die Technik vom Wasser-Karussell aus der Nähe begutachten. In der nächsten Sekunde fand ich mich dann komplett eingetaucht im kühlen Naß wieder. Es war in jeder Hinsicht surreal. Urplötzlich wurde der tobender Lärm im Park durch die schwach pulsierende Stille im Wasserbecken ersetzt.  Während mein kleiner Körper sich langsam gen Boden vom Becken schwebte, starrte ich geradeaus in die Dunkelheit hinein, die mich so schlagartig umgab. Lange konnte die selbstgewählte Einsamkeit Unterwasser nicht gedauert haben. Im zarten Alter von 5 Jahren war der obligatorische Film vom Leben dann auch in Bruchteil von einer Sekunde abgespielt. Ich fühlte nur noch im nächsten Augenblick wie mich eine starke Hand am Kragen packte und hochzog.

Später erzählte mir mein Vater, dass er sich,  nachdem er sich bereits 10 Meter entfernt hatte, noch aus unerklärlichen Gründen kurz umdrehte und nur noch die verweiste Aktentasche dort stehen sah, wo er mich „geparkt“ hatte. Hätten die Leute aus den Karussellbooten ihn nicht auf die aufsteigenden Luftbläschen im Wasser aufmerksam gemacht, dann gäbe es diesen Blog heute wohl nicht… Den Nachmittag verbrachte ich dann mit dem Beinah-Tod beschäftigend im Häuschen vom Parkwächter, während meine Klamotten draussen im Winde getrocknet wurden.

Auch wenn ich weit entfernt davon bin, heute Unterwasser in Schockstarre zu verfallen, so  wurde mir die Begeisterung für jeglichen Art von Wassersport,  die einem eine gute Körperbeherrschung Unterwasser abverlangt, durch meine damalige unfreiwillige Begegung mit dem Naß doch recht früh genommen.  Eine gewisse Korrelation zwischen diesem traumatischen Erlebnis, das sich offenbar bis heute in meinem Unterbewußtsein festgehangen hatte, und meiner recht spät entwickelten Befähigung zum Schwimmen lässt sich daher kaum abstreiten.

Das musste ich wieder schmerzlich feststellen, als Kollegen mich heute spontan wieder zum Schwimmen im Freibad mitnahmen. Nie hätte ich gedacht, dass 100 Meter Brustschwimmen eine Strecke für die Ewigkeit sein kann.  Zum Glück war noch zwei Kolleginnen da, die noch weniger Können vorzuweisen hatten.  Zusammen absolvierten wir dann eine kostenlose Unterrichtseinheit über Schwimmtechnik bei einem erfahrenen Kollege, u.a. wie man strampeln muss, um möglichst kräfteschonend schnell voranzukommen, wie die Armbewegungen richtig zum Tragen kommen und wie man effektiv Luft holen soll.  Gewisse Parallelen zwischen Brustschwimmen und Tanzen hinsichtlich Komplexität ließen sich dabei nicht ganz abstreiten. Alles Sachen, die man bedeuert, nicht viel früher gelernt zu haben.

Somit war der Tag dann doch mit Erfolgserlebnis gekrönt. Und ich konnte zumindest die Bauernweisheit „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ erfolgreich widerlegt.