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Eine schrecklich nette Telco

Eine typische Telefonkonferenz, wie er in ähnlicher Konstellation zu Hunderten  in unserer Firma geführt wird. Am Telefon: der amerikanische VP (nennen wir ihn mal Bob) in Palo Alto, ein indischer Kollege aus dem Testcenter in Bangalore, eine junge Entwicklerin aus Shanghai und ein japanischer Projektmanager, der irgendwo in Tokio am Telefon hing, schließlich der deutsche Entwicklungsleiter und meine Wenigkeit.

Folien wurden aufgelegt, KPIs durchgegangen und schließlich wurde der Testplan für die Software gezeigt. Was schnell auffiel, es war ein Plan mit vielen roten Ampeln…

VP Bob schrieh, nein, brüllte mit feinstem West Coast Akzent in den Hörer. Redete von Gott und die Welt und dass es wohl nicht wahr sein durfte, dass der Testplan für die Software zwei Wochen vor Go-to-Market so rot aussah wie die Flagge von China.

Man hörte nur stotterndes „Dauer-Yes-Yes“ aus Indien, Shanghai kam nicht über ein „Okay…“ hinaus und aus Tokio vernahm man außer ein leichtes Stöhnen in Sekundentakt nur den eisernen Mantel des Schweigens. Allein der deutsche Entwicklungsleiter gab sich mit seinem Schwaben-Englisch zum Besten und versuchte die Situation runterzuspielen, bewirkte jedoch genau das Gegenteil.

Denn  Bob war in seinem Element. Man konnte förmlich spüren, er weidet sich an der allgemeinen Ratlosigkeit. Vielleicht ärgerte es ihm auch nur, dass die Kollegen in Asien bald Feierabend machen konnten, während er sich nachts für die Telco aus dem Bett hatte zwingen müssen.

Bob, may I interrupt you for a second? I think you got it wrong.“ I nutzte den kurzen Augeblick, den Bob brauchte, um für seine nächste Anschuldigungswelle Luft zu holen, und platzte dreist in seinen Monolog. Mut zur Lücke eben… Ich füllte mich irgendwie in der Pflicht, meine Kollegen vor den verbalen Entgleisungen Bobs zu schützen.

Fast eine Minute Stille in der Leitung. Man konnte nur ahnen, was sich an anderen Enden der Leitungen gerade für Szenen abspielten. Der indische Kollege hat wohl schon angefangen, für meine sterbliche Überreste in Nirvana zu beten. Die Chinesin faltete womöglich breits Papiergeld für meinen Aufenthalt in Jenseits. Und unser Japaner aus Tokio rieb sich wahrscheinlich unglaublich die Augen hinsichtlich meines Kamikaze-Vorstoßes.

Ein mürrisches „Who is speaking?“ aus der Leitung, was daraufhin deutet, dass Bob nicht unbedingt begeistert war, von einer fremden Stimme unterbrochen zu werden.

Hi Bob, XXX  here from Product Management.“ Tatsächlich nahm ich zum ersten Mal an dem wöchentlichen Meeting teil. Ich fuhr unberirrt fort mit der Erklärung, dass eigentlich alle Anwesenden schon die ganze Zeit versucht hatten, Bob klarzumachen, dass er die Information aus dem Testplan völlig falsch interpretierte. Nur hatte sich keiner so richtig getraut, es ihm wirklich offen zu sagen (Die letzte Bemerkung habe ich mir allerdings dann doch verkniffen).

Plötzlich ein lockeres, ja fast süffisantes „Well okay, then it’s not that bad after all!“ aus Palo Alto.

Große Erleichterung in der Runde und auch in Asien. Ende der Story. 🙄

Lessons Learned:

Nur weil wir alle Englisch reden, heisst es noch lange nicht, dass wir uns verstehen.

Nur weil wir uns nicht verstehen, heisst es noch lange nicht, dass der Chef immer recht haben muss.

Nur weil viele Asiaten dazu neigen, der Wahrung der Hierarchie mehr Bedeutung beizumessen als kritischer Auseinandersetzung mit Vorgesetzten, heisst es noch lange nicht, dass alle Asiaten so sein müssen. 😈

Nachtrag: Vielleicht hatte ich aber auch nur Glück,  für eine deutsche Firma arbeiten zu dürfen. Siehe Artikel 😀