Archive for Februar 2010

Geböller und Gedichte

Wie bereits erwähnt ist es schon etwas länger her, seitdem ich das letzte Mal dem chinesischen Frühlingsfest hautnah beigewohnt habe. Was gestern Nacht beim Countdown abgegangen ist, kann man gutes Gewissens als dritter Weltkrieg bezeichnen. An allen möglichen (und unmöglichen) Enden und Ecken wurde es im Mutterland der Feuerwerkskörper aus dem vollen Rohr geballert und geböllert. Selbst bei meinen Eltern, die nun wirklich nicht im Stadtzentrum wohnen, wurde das lärmende Ritual der Geistervertreibung mit Hingebung durchgeführt. Anbei eine kleine Kostprobe per Video, die ich aus dem Fenster gemacht habe. Das ganze ging übrigens über Stunden so weiter… Gut, dass ich Ohropax aus Deutschland mit hatte. 😀

Natürlich ist es auch in China Tradition Glückwünsche zum Neujahr (und mittlerweile scheinbar auch zum Valentinstag) zu verschicken, meistens macht man das möglichst in elegant durchdachter in Gedichtform. Dank des technischen Fortschritts verschickt man diese mittlerweile übrigens per SMS. Ich habe gestern mindestens 20 Stück auf meinem iPhone bekommen. Ich werde Euch daher natürlich nicht verschonen, an mein lyrisches Ich teilzunehmen. wenn auch nur auf Deutsch. 🙂

Der alte Ochse zieht gemächlich von dannen.

Der junge Tiger wälzt die scharfen Krallen!

Gewünscht daher vom ganzen Herzen,

Gesundheit, Erfolg und Wohlstand Euch allen!

– Euer (unpoetischer) Xiaoi 😉

新年快乐! 恭喜发财!

Eine kleine Aufmerksamkeit zum Jahr des Tigers vom Residence ManagementHeute habe ich mir einen Tag frei genommen und bin noch mal umgezogen. Wobei das ganze jetzt nach einem größeren Projekt anhört, als es in Wahrheit ist. Konkret bin ich nämlich nur von einem Tower in den nächsten gewandert. Abgesehen von der Tatsache, dass ich nun drei Stockwerke höher wohne und näher am Schwimmingpool dran bin, hat sich im Prinzip kaum was signifikant verändert.  Dafür kann ich mich aber endlich etwas längerfristiger in den Räumlichkeiten einrichten. Das jetzige Apartment wird nämlich mindestens für die nächsten 12 Monate mein Zuhause werden.

Der kleine Tapetenwechsel passt übrigens perfekt zu der Tatsache, dass nach chinesischem Kalender am kommenden Sonntag offiziell das chinesische Jahr des Tigers eingeläutet wird. Von Bedeutung her kann man das chinesische Neujahrsfest (oder auch Frühlingfest genannt) am ehrsten mit der Weihnachtszeit vergleichen.  Und traditionell verbringen die Chinesen die Festtagen (und es ist immerhin eine ganze Woche) bei der Familie und engsten Verwandten. Entsprechend ist derzeit in Beijing auf der Strasse so wenig los wie sonst an kaum einem Tag, da meistens Zugezogenen bereits auf dem Weg in die Heimat sind. Kollege meinte neulich begeistert: „Zur Zeit kann man sich ja zur Rushhour sogar aus eigener Kraft in die U-Bahn quetschen! Wie angenehm ist das denn?!“ 😀

Auch ich werde den traditionellen Verpflichtungen nachkommen und ab übermorgen (quasi am chinesischen Silvester) für zwei Wochen nach Shanghai fliegen und das Neujahrsfest mit meiner Familie verbringen und anschießend paar Kollegen in in der Shanghaier Niederlassung besuchen. Einziger Wermutstropfen, ich verpasse das sehr bekannte Tempelfest (庙会) in Beijing , welches zum Frühlingsfest ganz besonders toll sein soll. Aber dafür vielleicht nächstes Jahr. 🙂

Euch wünsche ich schon mal 新年快乐 恭喜发财 (Frohes neues Jahr, Erfolg und Wohlstand) !

Sitzen? Hocken?

Der Mensch kommt in seinem Leben zwangsläufig mit einer Art der Örtlichkeiten sehr oft in Kontakt. Die Rede ist von Toiletten. Und diese gibt es bekanntlich nicht nur in der favorisierten Version zum Sitzen, sondern auch zum Hocken. In Deutschland kaum noch anzutreffen, lässt sich eine Begegung mit der letzteren in Südeuropa oder in asiatischen Ländern oft nicht vermeiden. Gleiches gilt natürlich auch für China, wo früher Hocktoiletten zumindest in den öffentlichen Einrichtungen sehr populär waren, u.a. weil der Hygienenfaktor nicht zu unterschätzen ist. Immerhin hat man zu keinem Zeitpunkt des Entleerungsprozesses wirklich direkten Hautkontakt mit dem Sanitär-Utensil.

Im Zeitalter von Wegwerf-Toilettenbrillenabdeckungen hat aber auch in China (zumindest in den Großstädten) der Trend zu bequemeren Sitztoiletten eingesetzt. Aber offenbar ist die technische Adaption wiedermal (wie bei so vielen Dingen im Reich der Mitte) der menschlichen Lernkurve weit enteilt. Nur somit ist es zu erklären, warum ich schon desöfteren folgende Beschilderung an den Sitztoiletten vorgefunden habe…


Das gab es heute zum Frühstück…

Werde jetzt aber nicht wirklich schlauer draus…

Ich, der Ausländer

Bislang war ich eigentlich überzeugt, auch wenn mein Chinesisch sicherlich genügend Raum zur Verbesserung bietet, dass ich doch einigermaßen chinesisch aussehe und auch dementsprechend Verhaltensweise an den Tag lege.  Aber dem war offenbar nicht so. Zumindest hatte ich gestern eine zufällige Begegnung, die mein Eigenbild doch leicht ins Wanken gebracht hat. 😉

Sonntagabend, ich war auf dem Weg zu Salsa Caribe, einem sehr bekannten Salsa-Schuppen in Beijing, wo ich paar Freunde zum Tanzen treffen wollte.  Während ich auf die U-Bahn wartete, bemerkte ich zu meiner Überraschung neben mir eine afrikanische Frau mit einem kleinen Jungen. Man sieht zwar in Beijing viele Ausländer, aber Menschen mit dunkler Hautfarbe haben ein Seltenheitswert hier. Diese Beobachtung scheinten viele Chinesen um mich herum ebenfalls zu teilen. Mit der Zeit bildeten sich um den kleinen afrikanischen Junge und seine Mutter regelrecht eine Menschentraube. Viele Chinesen gafften lächelnd und schossen Fotos, während der Junge seinen Attraktionswert voll auskostete und grinsend rumtollte.   Auch ich konnte mich dem ganzen Schauspiel nicht völlig entziehen, auch wenn ich mich mehr über die Verhaltensweise meiner Landsleute gewundert habe.

Ich stieg an meiner Zielstation aus und suchte gerade auf der Karte nach dem richtigen Ausgang, als ich hinter mir jemand mit leicht gebrochenem Chinesisch fragen hörte „Wohin geht es nach SanLiTun?“ Ich drehte mich um als ich registriert habe, dass die Frage mir galt. Und hinter mir stand tatsächlich die afrikanische Mutter mit ihrem Jungen und schauten mich lächelnd an.

Es stellte sich heraus, dass die beiden auf Besuch in Beijing waren. Die Mutter kommt ursprünglich aus Lagos, Nigeria und arbeitet derzeit als Englischlehrerin in DeZhou, eine Stadt in ShanDong Provinz, etwa zwei Stunden Zugreise von Beijing entfernt. Ihr Mann lebt in Deutschland. Und sie ist nach Beijing gekommen, um ein Visum für Deutschland zu beantragen. Sie war gerade auf dem Weg zu KFC in Sanlitun, um dort eine Freundin zu treffen. Da sie viel Sachen bei sich hatte und der Junge schon recht müde war, habe ich die beiden spontan dorthin begleitet. Angekommen in KFC war die Freundin noch nicht da. Während wir warteten und  Kaffee schlurften, sind wir ins Gespräch gekommen. Sie meinte, die Chinesen wären alle so komisch. Wenn sie auf der Strasse jemanden anspricht, wird sie meistens ignoriert, selbst wenn sie Fragen auf Chinesisch stellt. Und dann sagte sie etwas, was mich ins Grübeln gebracht hat. Der Grund, warum sie mich angesprochen hatte, war, dass sie auf Anhieb gemerkt hatte, dass ich kein Chinesen sei. Auf die Frage, woran sie das festgemacht hatte, offenbarte sie mir, dass ich eine gesündere Hautfarbe hätte als die normalen Chinesen und offenbar auch eine andere Körperhaltung besitze. Und spätestens als ich gesprochen hatte, hätte sie gemerkt, dass ich chinesisch mit einem deutschen Akzent spreche.

Seitdem ich in Beijing bin, habe ich mich immer bemühe mich anzupassen und möglichst nicht anmerken zu lassen, dass ich ein Fremder bin. Und ich dachte bisher eigentlich, selbst wenn ich nicht ganz als Beijinger durchgehe, so doch wenigens als Festlandchinese. Aber es versetzt mir schon einen Dämpfer zu wissen, dass selbst Ausländer mich als Ausländer erkennen und dass ein putziger zwei-jähriger nigerianische Junge mit seinem makellosen ShanDong-Dialekt besser lokalisiert ist als ich 🙂

798

Heute war ich mit paar Freunden in 798 Art District,  einem ehemaligen Industriegelände in Beijing, berühmt als Refugium für unzählige Ateliers und Galerien der noch relativ jungen chinesischen Avantgarde. Viele bekannte (und noch unbekannte) chinesische Künstler haben sich dort niedergelassen und stellen ihre Werke in umgebauten Fabrikhallen aus. Wie es bei moderner Kunst üblich, lagen einem bei einigen Exponaten unwillkürlich die drei W-Fragen (Was? Wie? Warum?) auf der Zunge. Und einige Gallerien waren auch definitiv zu rein kommerziellen Verkaufshallen verkommen. Aber man findet genug geniale Einfälle, die zum Schmunzeln und Bewundern einladen.

Anlass des Besuchs war übrigens die Einladung eines lokalen Künstlers, der eine Spende-Aktion für tibetische Kinder ins Leben gerufen hat.

Anbei einige Fotos und Videos, die ich dort gemacht habe.

Practica 1

Komme gerade von meiner ersten Practica zurück und bin noch ziemlich KO aber aufgedreht. :mrgreen:

Bin sehr froh, so schnell in Beijing Anschluss gefunden habe, was Tango Argentino angeht. Die Tango-Szene ist noch relativ jung. Wo anders  findet man sicherlich größere und ältere Communities. Aber diese Tatsache soll Tango in Beijing nicht zum Nachteil reichen. Ganz im Gegenteil. Die Tango-Szene in Beijing ist gerade deswegen auch sehr familär und besonders herzlich und offen gegenüber Neuzugänge. Man merkt auch den Organisatoren an, dass sie  viel unternehmen, um Tango in Beijing populärer zu machen.

Das Foto entstand übrigens vom gemeinsamen Abendessen vor der Praktika, bei dem ich so gleich offiziell in die Gruppe assimiliert wurde. Man hat sogar extra für mich eine kurze Vorstellungsrunde eingelegt. Ich frage mich allerdings, ob ich alle zwanzig Namen bis zum nächsten mal merken kann.

Dafür dass es die erste Practica war, habe ich mich recht wacker geschlagen. Die anfängliche Aufregung legte sich zum Glück recht schnell, nachdem ich die Musik zum Interpretieren gefunden habe. Besonders hilfreich für meinen Lernfortschritt war sicherlich auch die große Damenauswahl.

Freue mich schon sehr auf die Milonga am nächsten Mittwoch. Da werde ich mich aber noch etwas mehr in Schale werfen müssen. Kam mir heute schon etwas underdressed vor. 🙂

Jetzt falle ich aber erstmal ins Bett…Morgen ist wieder volles Programm …

Tu aimes manger Teppan-yaki?

Eigentlich wollte ich heute Abend kulinarisch etwas kürzer treten, nachdem ich mittags schon mit Kollegen lecker Sushi Essen war. Aber am Ende bin ich dann doch in diesem Teppanyaki Restaurant in Raffles City gelandet. Wobei der Name am Eingang auf Chinesisch: 法式铁板烧 („French-Style Teppanyaki“) mich ziemlich neugierig gemacht hat. Entsprechend war ich bemüht, das „französische“ herauszufinden. Wie man auf dem Video sieht, war die Zubereitung aber eher klassisch Teppanyaki. Also daran lag es schon mal nicht.

Das Essen an sich war auch echt lecker und üpping und für umgerechnet 6 Euro fast schon spottbillig.  Aber ich wäre jetzt nicht auf die Idee gekommen, die Gerichte jetzt sonderlich der französischen Küche anzukreiden, auch wenn das im goldenen Halter servierten Frühstücksei zugegebenenmaßen etwas aus der Rolle fällt (Es auszulöffeln war allerdings ein Alptraum, weil das Ei noch komplett flüssig war).

Letztendlich meine ich, das mit „French-Style“ manifestiert sich eher dadurch , dass man nur westliche Bestecke zur Verfügung gestellt bekommt. So manchen Gästen merkte man doch die Anstrengung an, Teppanyaki mit Gabeln und Messer genießen zu müssen. 😀

Weitere Highlights des Tages in Schnelldurchgang:

Ein Frauenauto – Please hold the Wasserhahn beim Tanken.

Men’s Briefs – Mit goldenem Drachenmotiv an pikanter Stelle. Hat doch was…

Birkenstock Store – Scheint in Asien wirklich angekommen zu sein.