Archive for 8. Februar 2010

Ich, der Ausländer

Bislang war ich eigentlich überzeugt, auch wenn mein Chinesisch sicherlich genügend Raum zur Verbesserung bietet, dass ich doch einigermaßen chinesisch aussehe und auch dementsprechend Verhaltensweise an den Tag lege.  Aber dem war offenbar nicht so. Zumindest hatte ich gestern eine zufällige Begegnung, die mein Eigenbild doch leicht ins Wanken gebracht hat. 😉

Sonntagabend, ich war auf dem Weg zu Salsa Caribe, einem sehr bekannten Salsa-Schuppen in Beijing, wo ich paar Freunde zum Tanzen treffen wollte.  Während ich auf die U-Bahn wartete, bemerkte ich zu meiner Überraschung neben mir eine afrikanische Frau mit einem kleinen Jungen. Man sieht zwar in Beijing viele Ausländer, aber Menschen mit dunkler Hautfarbe haben ein Seltenheitswert hier. Diese Beobachtung scheinten viele Chinesen um mich herum ebenfalls zu teilen. Mit der Zeit bildeten sich um den kleinen afrikanischen Junge und seine Mutter regelrecht eine Menschentraube. Viele Chinesen gafften lächelnd und schossen Fotos, während der Junge seinen Attraktionswert voll auskostete und grinsend rumtollte.   Auch ich konnte mich dem ganzen Schauspiel nicht völlig entziehen, auch wenn ich mich mehr über die Verhaltensweise meiner Landsleute gewundert habe.

Ich stieg an meiner Zielstation aus und suchte gerade auf der Karte nach dem richtigen Ausgang, als ich hinter mir jemand mit leicht gebrochenem Chinesisch fragen hörte „Wohin geht es nach SanLiTun?“ Ich drehte mich um als ich registriert habe, dass die Frage mir galt. Und hinter mir stand tatsächlich die afrikanische Mutter mit ihrem Jungen und schauten mich lächelnd an.

Es stellte sich heraus, dass die beiden auf Besuch in Beijing waren. Die Mutter kommt ursprünglich aus Lagos, Nigeria und arbeitet derzeit als Englischlehrerin in DeZhou, eine Stadt in ShanDong Provinz, etwa zwei Stunden Zugreise von Beijing entfernt. Ihr Mann lebt in Deutschland. Und sie ist nach Beijing gekommen, um ein Visum für Deutschland zu beantragen. Sie war gerade auf dem Weg zu KFC in Sanlitun, um dort eine Freundin zu treffen. Da sie viel Sachen bei sich hatte und der Junge schon recht müde war, habe ich die beiden spontan dorthin begleitet. Angekommen in KFC war die Freundin noch nicht da. Während wir warteten und  Kaffee schlurften, sind wir ins Gespräch gekommen. Sie meinte, die Chinesen wären alle so komisch. Wenn sie auf der Strasse jemanden anspricht, wird sie meistens ignoriert, selbst wenn sie Fragen auf Chinesisch stellt. Und dann sagte sie etwas, was mich ins Grübeln gebracht hat. Der Grund, warum sie mich angesprochen hatte, war, dass sie auf Anhieb gemerkt hatte, dass ich kein Chinesen sei. Auf die Frage, woran sie das festgemacht hatte, offenbarte sie mir, dass ich eine gesündere Hautfarbe hätte als die normalen Chinesen und offenbar auch eine andere Körperhaltung besitze. Und spätestens als ich gesprochen hatte, hätte sie gemerkt, dass ich chinesisch mit einem deutschen Akzent spreche.

Seitdem ich in Beijing bin, habe ich mich immer bemühe mich anzupassen und möglichst nicht anmerken zu lassen, dass ich ein Fremder bin. Und ich dachte bisher eigentlich, selbst wenn ich nicht ganz als Beijinger durchgehe, so doch wenigens als Festlandchinese. Aber es versetzt mir schon einen Dämpfer zu wissen, dass selbst Ausländer mich als Ausländer erkennen und dass ein putziger zwei-jähriger nigerianische Junge mit seinem makellosen ShanDong-Dialekt besser lokalisiert ist als ich 🙂